Reissues
Nach dem Winter 85/86 legte ich im Frühling 86 die Konzept-Kasette
- The Dancing Partner - vor,
welche Ihr Euch hier
runterladen könnt.

Schwefel – The Dancing Partner (März.1986) composed & produced
by Norbert Schwefel
Remastered at Sulphur Sonic November 2010 mit Teschnischer Unterstützung
von Rene Schmidt, Volker Langenfelder und Robin Röcker
01. Intro (1:12)
02. Mechanical Toys (4:03)
03. What A Capital Idea (4:39)
04. Listening With Both his Ears (3:32)
05. Secret (3:43)
06. Lieutenant Fritz (7:02)
07. In The Fear Of The Waxen Face (4:18)
08. Dancing Paradise (4:42)
09. Laughing (5:12)
10. The Waltz (5:41)
11. The Last Dance (7:53)
Norbert Schwefel – Vocals, Guitars, Bass, Piano, Keyboards
Martin Buchholz – Saxophone on 6, 9, 11
Jörg Fischer – Vocals on 6
Gabi Auer – Voice on 3
Martin Kehrer – Voice on 10, Vocals on 11
Jack Kugler – Bass on 4
Das dritte Tape - The Dancing Partner - und das erste unterbewusste
Fuck You! der Schwefel Geschichte
Konzept-Kassette? Ein Unwort, das es wohl auch nie gegeben hat,
denn es ist abgeleitet von dem 70er Begriff Konzeptalbum. Typische
Konzeptalben waren die Tommy Oper von The Who oder The Lamb von
Peter Gabriels Genesis. In einer Zeit, in der No Budget Produkte
wie Tapes angesagt waren, gerieten Konzeptalben übel in Verruf
und niemand, der mir bekannt gewesen wäre, machte zu dieser
Zeit ein solches. Die vermeintliche Elite des Untergrunds war völlig
geläutert von Pink Floyd – The Wall, welches die No
Budget Bewegung wahrscheinlich erst in Gang setzte. Dieses Trauma
saß fünf Jahre nach The Wall noch tief. Doch wir befanden
uns jetzt mitten im Schwefel Schizophrenic Party Hype und ich hatte,
ohne drüber nachzudenken, mit diesem Tape eigentlich ein Unding
geschaffen, eine Konzept-Kassette basierend auf einer Novelle von
Jerome K. Jerome (from Novel Notes, London, 1893).
Es handelt von einem älteren Herren namens Nicholaus Geibel,
der in Furtwangen im Schwarzwald elektrisches Spielzeug herstellte.
Seine Tochter Olga tanzte leidenschaftlich gerne auf Bällen.
Allerdings klappte es meistens nicht mit den Tanzpartnern, weil
sie zu ungeschickt waren. Geibel baute ihr deshalb einen elektrischen
Tanzpartner, der zwar etwas quietschte, aber ein fantastischer
Tänzer war. Doch dann lief er plötzlich vollkommen aus
dem Ruder und richtete auf dem Tanzball das totale Chaos an. Hier
kann man die komplette Geschichte nachlesen: http://www.sff.net/people/DoyleMacdonald/l_dancing.htm Da war richtig viel Text zu bearbeiten und die Geschichte war sehr
lustig, ich machte mich an die Kompositionen und sang die Texte,
wie sie im Buch standen, das funktionierte ausgesprochen gut. Also
keine Bearbeitung der Geschichte für klassisches Songformat,
das hatten sich nicht mal The Who oder Genesis geleistet. Das nahm
ja opereske Dimensionen an. Die Zeitschrift Spex beschrieb die
Kassette als GAU des Monats (Größte Angenehme Überraschung
der monatlichen Tapebesprechungen) und es traute sich niemand,
etwas gegen dieses Tape zu sagen, denn Schwefel war jetzt cool
und es schien, als wäre es dem Hörer egal, was er da
vorgesetzt bekam: Wenn Schwefel drauf steht, wirds schon ok sein.
Eine reine Imagefrage.
Es war aufwendiger, dieses Tape herzustellen als die davor. Waren
die Dinge mir bis jetzt instinktiv zugeflogen, musste man hier
nun genau überlegen, wie man die Texte unterkriegen soll.
Man musste die Reihenfolge einhalten und die Kassette war mit 52
Minuten auch erheblich länger, als die beiden Vorgänger.
Aber ich arbeitete sehr engagiert den Winter durch und als ich
sie nach Jahren wieder hörte, war mein erster Eindruck, dass
vor allem Martin Buchholz bei Lieutenant Fritz ein echtes Highlight
auf dem Saxofon gespielt hat. Das später in der Presse hoch
gelobte Sax fand hier seinen Ursprung. Ich sah Martin Buchholz
zum ersten Mal als Gast der Punkband Stiebel Eltron, in der auch
Charles Lemming (Sänger von Schizophrenic Party) Gitarre spielte.
Er wirkte irgendwie intellektuell und man hatte den Eindruck, dass
er genau wusste, was er da tat. Eigentlich passten wir nicht wirklich
zusammen, aber das war wohl auch das Ungewöhnliche: Rock’n
Roll Scarface trifft auf smarten jungen Mann. Wir haben uns immer
gemocht und respektiert. Martin Buchholz sollte kurze Zeit später
das erste offizielle Mitglied der Band Schwefel neben mir sein,
aber das dauerte noch etwas.
Das Cover war diesmal etwas anzüglich geraten und mit einem
kopierten bebilderten Booklet im Selbstbastelstil aufwendiger gestaltet.
Mike Rausch, mit dem ich früher bei Backwahn gespielt hatte
und für dessen jetziges New Wave Trio 33 Eskimaux (wieder
mit Lemming) ich ein Demo aufgenommen hatte, hörte das Tape
und meinte, dass es doch toll wäre, das auch live auf die
Bühne zu bringen. Ehrlich gesagt war ich ziemlich überrascht,
denn ich hatte zwar schon in etlichen Bands Live-Erfahrung gesammelt,
aber für mich war Schwefel ein reines Studioprojekt und die
kläglichen Versuche, Schizophrenic Party live zu spielen,
steigerten nicht gerade mein Selbstvertrauen, eine Liveband zu
gründen. Jörg Fischer (vox on 6) sollte die zweite Gitarre
spielen, Jack Kugler (bass on 4) Bass und Mike Rausch himself die
Keyboards. Die Drums sollten von einer Drummachine kommen, denn
das war ja auch auf den Tapes immer so. Die Besetzung bot sich
an, weil die Musiker außer Mike, der erst auf dem nächsten
Tape zu hören ist, alle auf The Dancing Partner mitgespielt
haben. Geprobt wurde in der Wormser Fabrik, wo auch regelmäßig
ein Vertreter des EFA Vertriebs auftauchte (ehemaliger Vertrieb,
der aus dem Ton Steine Scherben Label David Volksmund Produktion
hervorging). Er versuchte seine neusten Produkte der ehemaligen
Backwahn Sängerin Heide Wehe zu verkaufen, die wiederum die
Platten in der Kommune weitergab. Heide machte ihn mit der Musik
von Schwefel bekannt.
Unser erster Auftritt sollte in der Ladenburger Kiste stattfinden.
Alle Beteiligten, die auf dem Tape dabei waren, sollten mitmachen.
Das Ganze war als großes Spektakel geplant, was es auch wurde:
Ein Spektakel unerfahrener Musiker, die die Ursprungsform nicht
umzusetzen verstanden. Ich glaube, wir spielten in dieser Besetzung
noch einen zweiten Gig im Freiburger Crash, wo wir uns nochmal
an Schizophrenic Party vergriffen, es hatte auch dieses Mal wieder
nichts mit dem Original zu tun, so löste ich solidarisch nach
zwei Auftritten die Band auf.
Die Eroberung Berlins in zwei Atemzügen
Martin Kehrer, den ich das erste Mal sah, als er bei einer Probe
meiner Experimentalband Le Tombeau in einer Ludwigshafener Bahnhofunterführung
einfach ohne ein Wort zu sagen in den Raum trat, sich eine Orgie
kreischender Gesangsausbrüche begleitet von quietschenden
Korg MS 20 Filtern und überschlagenden Feedbacks anhörte,
um dann wortlos wieder zu verschwinden. Dieser Martin Kehrer rief
mich eines Nachts an, weil er seiner Freundin gerade ein Lied geschrieben
hatte und es bei mir aufnehmen wollte. Seine Gitarre und eine heftige
Ladung Speed im Gepäck machten wir eine Nacht durch - und
fertig war der Song. Er hatte eine tolle Stimme, klang zwar immer
irgendwie nach Johnny Rotten, sah aber mit seiner großen
dürren Statur und seiner Hakennase besser aus. Zur gleichen
Zeit wurde mir von Jack Kugler Peter Weinkötz vorgestellt,
ein großer Waldschrat, der mit seiner langen Haarpracht und
Vollbart aussah wie Karl Marx persönlich. Ihm gefiel The Dancing
Partner und er wollte sich für das Projekt einsetzen, so dass
er ab diesem Zeitpunkt bis heute alle Projekte von Schwefel als
Berater und teilweise als Teilhaber begleitet. Martin Kehrer und
Weini, wie er genannt wird, waren zufälligerweise alte Freunde.
Weini wollte Martins damalige Band (Carnivarous Romance), die zum
größten Teil aus Musikern von der ehemaligen Punkband
Stiebel Eltron bestand, finanziell unterstützen und ihnen
eine Schallplattenproduktion ermöglichen. Sie wollten zusammen
nach Berlin fahren, um für Carnivarous Romance Auftritte auszumachen.
Eine Band hatte ich zwar nicht, aber dafür drei Tapes, und
es war kein Problem für mich, ein Demo zusammenzustellen,
also meinte Weini, ich solle doch mitfahren, man würde ja
sehen, was dabei raus käme. Ich war vorher nie in Berlin gewesen
und die Sprache an der Grenze kam mir sehr fremdartig vor. In der
Stadt angekommen, holte Martin die Stadtmagazine Tip und Zitty,
um Clubs ausfindig zu machen, wo man auftreten könnte. Martin
telefonierte die Clubs ab und teilweise landeten wir in sehr seltsamen
Gegenden. Es war sinnlos, die Stadt kam mir riesig vor und Martin
bekam von Doro im Swing eine einzige Zusage, wobei sie ihm mitteilte,
dass seine Band ja noch ok wäre, wenn man dagegen Schwefel
höre… Ok, wir fuhren zurück, in dieser Stadt fühlte
ich mich verloren.
Mittlerweile war Schizophrenic Party in Hamburg auf dem Kassettensampler
Nouvox gelandet, den hatte wiederum Mirko Krüger in Berlin
gekriegt. Er schickte mir daraufhin einen Brief, in dem stand,
dass er mir einen Schallplattenvertrag anbieten wolle. Hä,
ein Schallplattenvertrag? Das war doch mehr was für die
Profis, für all die großen Helden von
musikalischen Köstlichkeiten aus meiner Schallplattensammlung.
Weini, Martin und ich setzten uns also zusammen in Weinis alte
Klapperkiste und fuhren nach Berlin, um meine neue Plattenfirma
zu besuchen. Wohnen konnten wir bei einem Freund von mir, den
ich noch aus Lampertheim kannte. Er war etwas jünger als
ich und gerade vor der Bundeswehr nach Berlin geflohen. Wir steuerten
sofort
die Oranienstraße in Kreuzberg an. In den besetzten Häusern
trieb sich mein Lampertheimer Freund herum und wir wurden mit
einer heftigen Ladung Speed begrüßt, ein Stoff
von einer Qualität, die wir aus Mannheim nicht kannten.
Vollkommen gedopt rannten wir durch die Stadt. Die Wohnung, in
der wir wohnten, war
sehr siffig, auf einer Matratze war ein riesengroßer Wichsfleck,
mindestens ein halber Quadratmeter groß, von unserem Gastgeber,
so was hatte ich noch nicht gesehen, oder ist das normal in Berlin?
Unser Gastgeber versuchte, uns durch die Großstadt zu lotsen,
indem er seinen ganzen Körper aus dem Auto hängte und
immer mal wieder schreiend nach dem Weg fragte. Weini blieb nie
stehen und unser Stadtführer lehnte sich immer weiter aus
dem Auto und wurde immer verrückter. Dass der verrückteste
Berliner, den ich kannte, ausgerechnet aus Lampertheim kam, war
auch lustig. In der Nacht packte ich meinen alten Armeeschlafsack
aus, den mir jemand geschenkt hatte. Er war löchrig und überall
kamen die Daunenfedern raus. In dieser Nacht griffen mich die Federn
an und am nächsten Morgen hatte sich über meiner Oberlippe
ein riesiger unschöner Herpes entwickelt. „Mach dir
nichts draus“, sagten mir ein paar Berliner Hausbesetzer, „das
kommt hier schon mal vor, das nennen wir die Schleppscheiße.“ Na
super, ich wollte eigentlich bei einer Schallplattenfirma vorsprechen
und den Aufstieg starten und Groupies sichern, jetzt sah ich aus
wie ein Zombie. Es hatte sich schnell rumgesprochen, dass wir in
der Stadt waren und ich konnte einen Termin mit Mirko Krüger
ausmachen, im Gepäck hatte ich mein neustes Tape. Ich glaube
nicht, dass er wirklich davon begeistert war, vielleicht bemerkte
er auch die verrufenen Ambitionen, die in diesem Werk steckten.
Er hatte sich doch in die Schizophrenic Party verliebt und hörte
jetzt Musik, die anders war. Auffällig jung war er, 18 Jahre
alt und Pet Shop Boys Fan, hatte aber damals schon ein Tape von
My Bloody Valentine im Programm, die in den frühen 90ern enorm
erfolgreich wurden. Aber leider nicht auf seinem Label. Das Label
hatte diesen seltsamen Namen Schuldige Scheitel Records, was mir
gefiel. Eine Schallplatte hatte er noch nicht veröffentlicht,
die von Schwefel sollte seine erste werden. Bis dahin dauerte es
aber noch etwas. Auf jeden Fall erschien mir dieses Mal Berlin
viel kleiner, alles spielte sich in Kreuzberg ab, eine Sackgasse
vor der Mauer. Alle, die irgendwie ausstiegen oder innovative Musik
oder Kunst machen wollten, kamen hier zusammen. Ich hatte sogar
das Gefühl, alle würden sie sich irgendwie für mich
interessieren, fremde Mädels nahmen mich mit ins Kino und
ich sah meinen ersten Jim Jarmusch Film Down by Law und es schien,
als nehme ich ganz Berlin in einem Zug.
NORBERT SCHWEFEL
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